Aktuelles
Das empathische Tier
Der Primatologe Frans de Waal zu Gast am Cluster
Empathie, Einfühlung, Mitgefühl – das Phänomen, das der Primatenforscher Frans de Waal in den vergangenen Jahren untersucht hat, besitzt – zumindest im Deutschen – viele Namen. Jeder verweist auf unterschiedliche Forschungstraditionen in unterschiedlichen Disziplinen. Was den meisten von ihnen gemeinsam ist: Sie beschäftigen sich in erster Linie mit dem Menschen. Der an der Emory University in Atlanta lehrende Frans de Waal, der für einen Vortrag und Workshop zu Gast am Cluster "Languages of Emotion" war, hat eine andere Perspektive auf das Thema. Er erforscht das Verhalten von Primaten und anderen Tieren. Die Frage nach der Empathie hat ihn sein Forscherleben lang begleitet.
Die Unterschiede zwischen Mensch und Tier waren zentraler Diskussionspunkt im interdisziplinären Empathie-Workshop, an dem de Waal als Gast teilnahm. In diesem Kolloquium werden Begriffe, Formen und Funktionen der Empathie aus der Perspektive von Geistes- und Naturwissenschaften diskutiert. Beteiligt sind unter anderem Psychologen, Literaturwissenschaftler und Tanzwissenschaftler.
"Zum Glück bin ich nicht der einzige, der hier mit Tieren arbeitet", meinte de Waal; die Arbeitsgruppe von Katja Liebal, Professorin für Evolutionäre Psychologie am Cluster, forscht ebenfalls intensiv zur Frage der Emotion und der Einfühlung bei nicht-menschlichen Primaten. Ein dauerhaftes Problem hierbei sei ja die Übertragung menschlicher Empfindungen auf das Tier, erklärte Liebal. De Waal hingegen sieht das größere Problem darin, Tieren Emotionen rundheraus abzusprechen – eine Forschungshaltung, die aktuell zum Glück kaum mehr vertreten werde. Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Empathie nicht-menschlicher und menschlicher Primaten gestalten sich in seinen Augen eher graduell. Unterteilt man die Fähigkeit der Einfühlung in einen kognitiven und einen affektiven Strang, so seien die Unterschiede zwischen Tier und Mensch hauptsächlich im kognitiven Bereich zu suchen. Letztlich sei es auch für Menschen faktisch unmöglich, die Gefühle eines anderen zu fühlen. Dessen Empfindungen jedoch zu erkennen und sich von ihnen anstecken zu lassen, sei ein alltäglicher Vorgang, zumindest bei gesunden Personen.
"Der Mensch ist eine außerordentlich synchronisierende Spezies", sagte de Waal. Tanzen, Singen, Marschieren – all diese Tätigkeiten, die den Menschen von Tieren unterscheiden, erfüllten ihn mit großer Zufriedenheit und Freude. Im Kern basierten sie alle auf dem Prinzip Empathie und auf der kulturellen Ausgestaltung eines alten Merkmals.
Ein weiteres Beispiel hierfür wäre die Sprache. Für seine eigene Verhaltensforschung mit Tieren spielen verbale Äußerungen keine Rolle; in der empathischen Reaktionen auf physisch nicht anwesende oder gar fiktive Personen – ein zentrales Forschungsinteresse des Clusters – sieht de Waal jedoch eine sprachabhängige menschliche Eigenschaft, die weit über die Empathieleistung von Affen und anderen Tieren hinaus weist. Die Lektüre eines Romans gäbe Menschen die einmalige Möglichkeit, mit anderen Individuen zu fühlen, die ihnen nicht durch ihre familiäre Zugehörigkeit, ihren sozialen Hintergrund oder ihre Hautfarbe nahe sind. Grundsätzlich habe sich aber die Empathiefähigkeit ohne Sprache entwickelt und gemäß dem bereits skizzierten Prinzip der Ausweitung eines traditionellen Merkmals sei die menschliche Empathie lediglich eine weiterentwickelte Form der nicht-menschlichen.
Katja Liebal verwies am Abend in ihrer Einführung in den Vortrag ebenfalls auf den Umstand, dass die Unterschiede zwischen Menschen und anderen Primaten quantitativ, nicht qualitativ seien. Der Vortrag selbst illustrierte diese These anhand zahlreicher Videodokumentationen, die de Waal und seine Kollegen in ihrer langjährigen Empathieforschung angefertigt haben. Insbesondere die Nutzung von Gesten, Akte der Versöhnung nach Auseinandersetzungen und die Abneigung gegenüber der Ungleichbehandlung anderer ('inequity aversion') zeigen, wie stark die ursprüngliche Form der Empathie in nicht-menschlichen Primaten wirkt. Sieht ein Affe, dass ein anderer zur Belohnung eine Traube bekommt, wirft er die (weniger attraktive) Gurke, die ihm selbst angeboten wird, fort. Wird das Experiment einige Male wiederholt, beginnt der zweite Affe, seine Trauben abzulehnen, falls der erste weiterhin nur Gurkenstückchen bekommt. Und wenn man sieht, wie ein Schimpanse den anderen nach einem Streit versöhnlich in den Arm nimmt, glaubt man Frans de Waal: Tiere fühlen mit ihren Nächsten.


