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21.09.2011  Allgemein

Im Körper begründet und im Geiste möglich

Eine Cluster-Tagung ging der Frage nach dem Berühren im oder durch Tanz nach

Tanzperformance "Urheben Aufheben" mit Martin Nachbar im Abendprogramm der Tagung. Foto: LoE/ND

Was ist Berührung? Wie läuft sie ab und welchen Einfluss hat sie auf die Berührenden und die Berührten? Diese Fragen standen im Zentrum der Konferenz "Touching and being touched. Kinesthesia and empathy in dance" des Clusters Languages of Emotion vom 7. bis 9. Juli 2011 im Radialsystem V in Berlin.

Die vorgestellten Beiträge gaben Einblick in die Vielfalt des Berührungskonzeptes an sich, aber auch in die verschiedenen Methoden, mit denen ihm nachgegangen werden kann. Denn die Vortragenden waren Geisteswissenschaftler wie Niklaus Largier (Mediävistik), Mark Peterson (Philosophie) oder Marie-Luise Angerer und Robin Curtis (Medienwissenschaften), kamen aus der Tanzpraxis wie Adriana Pegorer, Sonia Abadi (beide Tango) oder Ann Cooper Albright (Kontaktimprovisation) oder den Neurowissenschaften wie Isabel Dziobek und Corinne Jola.

Im Vortrag des Philosophen Mark Petersons aus Exeter ging es um eine historische Rückverfolgung des Tastsinnes. Peterson begann mit einem Zitat Thomas von Aquins, wonach nichts im Intellekt sei, was nicht zuerst auch in den Sinnen präsent gewesen sei. Diese Idee kann auch als Motto für die gesamte Konferenz verstanden werden. Berührung ist primär ein körperliches Geschehen. Auch, wenn sie gar nicht taktil abläuft, sondern – im übertragenen Sinne – empathisch, weil wir uns in einen anderen hineinversetzen, oder wir uns intellektuell angestoßen fühlen, so ist in allen Fällen die sinnliche Erfahrung der Ausgangspunkt.

In der Philosophiegeschichte finden sich widersprechende Bewertungen des Tastsinns. Für Aristoteles zum Beispiel war der Berührungssinn der basalste aller Sinne wovon alle anderen nur eine Modifikation seien. Mit der Beschäftigung des menschlichen Sehvermögens und dessen Einschätzung als nobelstem aller Sinne (Descartes), wurde gleichzeitig das Tasten als fern des Intellekts und bestialisch – also nah am Tier - umgewertet. Im Vortrag wurde auch deutlich, dass Sehen und Berühren oft als entgegen gesetzte Vermögen gewertet und eingeschätzt wurden. Doch wie diese Vermögen miteinander "kooperieren" zeigte wiederum der Vortrag von Corinne Jola.

Wir müssen etwas nicht taktil berühren, um berührt zu sein. So lieferten uns Jola zufolge die Spiegelneurone eine Basis für die Einfühlung in einen anderen, wobei hier die Berührung interessanterweise über das Sehen stattfindet – jenen Sinn, von welchem der Tastsinn so oft abgegrenzt worden war. Diese Neurone spiegelten nicht einfach den Gemütszustand unseres Gegenübers und versetzten uns in dessen emotionale Verfassung, sondern sie sprächen die Nervenzellen an, die für Bewegung zuständig seien. Was wir spiegeln, so Jola, sei die Bewegung. Das Gefühl, welches dann letztlich in uns als Beobachtern entstehe, sei jenes, welches wir hätten, wenn wir die gleichen Muskeln bewegen würden, wie jene, die der beobachtete Artgenosse bewegt. Mehr noch, wir erinnerten uns an die Erfahrungen, die wir beim Ausführen derselben Bewegung gemacht hätten und diese schienen gleichsam bei Stimulation der beteiligten Muskelzellen auf. Jola hatte für ihren Vortrag Verarbeitungsprozesse von Zuschauern während der Aufführung von Tanzperformances untersucht.

Um Einfühlung und Methoden, sie wissenschaftlich zu untersuchen ging es in Isabel Dziobeks Vortrag, die das Projekt ihrer Forschungsgruppe "Understanding Interaffectivity" am Clusters Languages of Emotion vorstellte. Dziobeks Gruppe entwickelt ein Programm, mit dem Autismuspatienten ihr Empathievermögen trainieren können. Um eher physische Berührung ging es in den Vorträgen der Tanzpraktiker wie zum Beispiel Adriana Pegorer aus London. Sie untersucht in ihren Tangokursen für Menschen mit Sehschwäche, welcher Zusammenhang zwischen Blick und Berührung beim Tango besteht. Dieser Tanz sei in seiner einfachsten Form ein "walk in partnership". Dies unterscheide ihn von solchen Tänzen, in denen der Schritt der Tänzer einem bestimmten Rhythmus gehorcht, wohingegen man sich beim Tango frei zwischen Rhythmus und Melodie bewegt. Und dies tue man entsprechend der eigenen Stimmung, wie Sonia Abadi, Tanzkolumnistin aus Buenos Aires, herausstellte. Im Unterschied zu anderen Paartänzen wie dem Walzer, gebe es daher auch Momente der Ruhe oder der Bewegungslosigkeit, die über mehrere Takte anhalten könnten. Wie Tangotänzer durch Berührungen kommunizieren, konnte man bei der Tangoperformance von Susanne Opitz und Rafael Busch am Samstagabend erleben.

Trotz der Vielfalt der Zugänge und Sichtweisen wurden immer wieder – wie etwa bei der Frage der Empathie – Berührungspunkte sichtbar. Der Dialog zwischen Tanzpraktikern und Tanzwissenschaftlern war manchmal etwas stockend, da es nicht immer gelang, eine gemeinsame Sprache zu finden. Wunderbar funktionierte dies jedoch am letzten Abend in einem Gespräch zwischen der Tanzwissenschaftlerin Gabriele Brandstetter, der Tänzerin und Choreographin Susanne Linke und dem Tänzer Martin Nachbar, das im Anschluss an die Aufführung von Nachbars "Urheben Aufheben" stattfand. Diese Choreographie ist eine Rekonstruktion des Tanzzyklus "Affectos Humanos" der Ausdruckstänzerin Dore Hoyer aus dem Jahr 1962 und auch die zum Gespräch anwesende Susanne Linke hatte diesen Zyklus 1987 einstudiert. Sie hatte Hoyer selbst noch kennengelernt und zeitweise auch bei ihr studiert. Nun sprachen beide Tänzer – befragt von Gabriele Brandstetter –  über Methoden und Grenzen der Rekonstruktion sowie über die Schwierigkeit, überhaupt gewisse Affekte darstellen zu können.

Immer wieder gab es Situationen, in denen es den beiden nicht ausreichte, ihre Gedanken in Worte zu fassen, so dass Martin Nachbar und Susanne Linke – geschult in körperlichem Ausdruck und Beweglichkeit - stattdessen mit Gesten und Körperhaltungen zeigten, worauf es ihnen ankam. So wird als Abschluss dieser Tagung unter anderem Susanne Linkes spontane Darstellung ihrer Begegnung mit Dore Hoyer in Erinnerung bleiben. Was sie auf die Bühne brachte, war ein beeindruckendes – in der Art und Weise wie es gezeigt wurde – auch amüsantes Porträt der Ausdruckstänzerin. Gleichzeitig wurde in diesem Gespräch aber auch deutlich, dass ein Dialog zwischen den verschiedenen Darstellungsmöglichkeiten, die wir haben - sei es zwischen körperlicher Gestik und Worten – funktionieren kann.

Podiumsdiskussion mit Martin Nachbar, Susanne Linke und Gabriele Brandstetter nach "Urheben Aufheben". Foto: LoE/ND

In Philipp Gemachers Soloperformance "walk + talk Nr. 10" ging es um die Frage des Berührens und Bewegens im Selbsterleben des Tänzers. Foto: LoE/ND

Tango im "Zwischendeck" des Radialsystems, getanzt von Susanne Opitz und Rafael Busch. Foto: LoE/ND

Sonnenuntergang über der Spree. Foto: LoE/ND

 

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