Aktuelles
Tagungsbericht "Katharsis in Wien um 1900"
Ein interdisziplinärer Blick auf den Diskurs um die "seelische Reiningung" um die Jahrhundertwende
"Katharsis in Wien um 1900" war das Thema der von Martin Vöhler und Daniela Schönle konzipierten Tagung vom 1. bis 3. Oktober 2010 am Cluster Languages of Emotion. Sie versammelte Ergebnisse aus den drei vergangenen Workshops des Projektes "Die Pathologisierung der Katharsis in Wien um 1900 – Bernays, Nietzsche, Freud". Diese hatten sich den Themen "Die Katharsisdeutung Jacob Bernays'", "Katharsis und Hysterie" und "Katharsis bei Nietzsche" gewidmet.
Im Zentrum der aktuellen Tagung stand nun ein interdisziplinärer Blick auf den Diskurs um die 'seelische Reinigung', wie er sich im Wien der Jahrhundertwende zwischen Klassischer Philologie, Psychotherapie und Lebensphilosophie herausgebildet hatte.
Die Tagung ging zunächst den Vorgeschichten der Wiener Katharsis-Diskussion nach (Sektion 1), behandelte dann die Konstellationen in Wien um 1900 (Sektion 2) und stellte schließlich die Frage nach den Folgen der Debatte für Künste, Wissenschaft und Therapie (Sektion 3).
Martin Vöhler führte mit einem historischen Überblick zum Begriff der Katharsis in die Tagung ein. Ausgangspunkt waren die unterschiedlichen Konzeptionen bei Aristoteles, die Erläuterungen führten über die moralische Deutung der Tragödienkatharsis bei Lessing bis hin zur medizinisch-pathologischen Interpretation von Jacob Bernays. Dessen zentrale Metapher der "Entladung" führte zu einer entscheidenden Wende, die den Diskurs um die Katharsis der Tragödie dann für andere Disziplinen öffnete: Anregungen aus Psychophysik und Thermodynamik traten hinzu, die Katharsis wurde bei Freud und Breuer zu einer Vorstufe der Psychoanalyse.
In seinem Vortrag "Die Entschärfung der Entladung. Katharsis und ästhetische Lust in der psychologischen Ästhetik um 1900" zeigte Tobias Wilke, wie sich die diskursive Selbstbegründung des Projektes einer an der modernen Psychologie orientierten Ästhetik anhand ihrer Frontstellung gegenüber der sukzessiven Pathologisierung der Katharsis-Konzeption rekonstruieren lässt. Statt in kathartischer Affekt-Abfuhr begründet die "psychologische Ästhetik" die Quelle ästhetischer Lust im Selbstbezug psychischer Prozesse.
Unter dem Stichwort "Hysterie vor Breuer und Freud: Janets Konzeption der 'liquidation'" gab Gerhard Heim einen Einblick in konzeptuelle Ähnlichkeiten zwischen der Konzeption des französischen Mediziners Pierre Janet und der von Breuer/Freud. Um Störungen des personalen Bewusstseins zu bezeichnen, die durch unbewusste fixe Ideen verursacht wurden, verwendete Janet verschiedene Begriffe des Wortfeldes "Auflösung". Der ökonomische Terminus der liquidation (Auflösung, Erledigung, Beendigung) stehe dabei für das Bewusstmachen, Abreagieren und anderweitige 'Erledigen' des ruinierenden Geschäfts, als das Janet die traumatische Störung betrachtet habe.
In seinem Vortrag "Reloaded: Nietzsche, Mayer und die Physiologie" konstatierte Christof Windgätter beim späten Nietzsche einen Ortswechsel der wissenschaftlichen Referenzen weg von der Philologie hin zur Physiologie. Bei Julius Robert Mayer entdeckte Nietzsche das Entladungsverhältnis – durch einen verhältnismäßig kleinen Anstoß tritt eine unverhältnismäßig große Wirkung ein –, das sich auch in seiner Konzeption der Tragödie als energetischem Movens und der Katharsis als lustvoller Entladung erkennen ließe.
Indem Bernays die Gefühlsambivalenz der Tragödie psychodynamisch in ein Nacheinander auflöse, ergebe sich, argumentierte Wolfgang Riedel, eine Brücke zu Schopenhauer. Riedel verortete Schopenhauers Ästhetik am Übergang von radikaler Physiologisierung einerseits und reiner Intelligibilität andererseits. Schopenhauer und Bernays begegneten sich bei Nietzsche, der dem Bernaysischen Entladungskonzept einen zusätzlichen transitiven Charakter verliehen habe. Die Freudsche Gleichsetzung von Spannung mit Unlust und Entspannung mit Lust und seine Deklaration des Todestriebes rücke die Katharsis, als dem Prinzip von Spannungsaufbau und Spannungsabbau folgend, in das Licht der Resignation, der Antizipation der postmortalen Ruhe (Schopenhauer).
Gherardo Ugolini erkannte in den antiken Dramen Hofmannsthals gerade in der Ablehnung einer kathartischen Lösung für die Tragödie und in der Berufung auf die Kraft des Dionysischen eine deutliche Referenz auf Nietzsche. Anhand einer eingehenden Analyse des Bacchen/Pentheus-Fragmentes und im Verweis auf den Mänadischen Tanz Elektras zeigte Ugolini, wie Hofmannsthal die symbolische Zerstückelung des Individuums und die Betonung von Subjektivität und Individualität literarisch umsetzte.
Ritchie Robertson machte im Hofmannsthalschen Werk einen Zusammenhang von Katharsis und Gewalt aus. Das kathartische Erlebnis verlaufe, wie Robertson an einzelnen Werken Hofmannsthals belegte, über eine in der konkreten Handlung, in der Beobachtung oder bloßen Vorstellung vollzogenen Identifikation von Opfer und Täter. In dem Gedicht "Der Jüngling und die Spinne", in der Rattenszene des Chandos-Briefes oder in der imaginierten Übernahme der Adler-Perspektive des Protagonisten in "Andreas oder Die Vereinigten" stelle sich Katharsis als eine Verflechtung von Gewalt, Sexualität und Ich-Verlust dar.
In ihrem Vortrag "'Ehrlich bis zur Orgie'. Schnitzlers Läuterungen" schlug Elsbeth Dangel-Pelloquin vor, Katharsis bei Schnitzler als rezeptionsästhetische Kategorie in den Werken aufzusuchen, und richtete dabei ihr Augenmerk besonders auf die Einakter zur Hypnose "Frage an das Schicksal" und "Paracelsus". Dangel-Pelloquin konstatierte bei Schnitzler eine beide Geschlechter betreffende Sexualisierung der Affekte, zudem erfahre das Paradigma der Reinheit eine radikale Umwendung: Offenheit dem eigenen Begehren und Entfesselung der Leidenschaften wirkten bei Schnitzler kathartisch.
Daniela Schönle kontrastierte die Katharsis-Konzeption Hermann Bahrs, der die Lust am Leiderleben aus der Potenzierung von Gemütsbewegungen (im Sinne der pro-arousal-Theorie) erkläre, mit der separativen Auslegung von Bernays, Gomperz, Freud und Breuer. In Bahrs um gesellschaftliche Implikationen und eine historische Dimension erweiterten Katharsisverständnis stelle sich die in Wien um 1900 populäre Vorstellung von Katharsis als Befreiung von Affekten als Folge eines überholten Gesellschaftsmodells dar.
Ausgehend von Freuds Aufsatz "Psychopathische Personen auf der Bühne" warf Konstanze Fliedl einen Blick auf Übertragungen, Gegenübertragungen und den damit einhergehenden Streit um Hoheitsansprüche innerhalb des Wiener Katharsis-Diskurses. In diesem waren, beginnend mit Alfred von Bergers Katharsis-Abhandlung, die Grenzen zwischen Poetologie und Psychotherapie permeabel geworden. Freuds Kritik an Hermann Bahrs Stück "Die Andere" verstand Fliedl als distanzierende Stellungnahme Freuds zu einem dramatischen Exegeten seiner Theorie und damit als eine Art Korrektur des 'Wiener Diskurses'.
Das Ursprungsmodell der kathartischen Psychotherapie von Freud und Breuer kommt, wie Günter Gödde bemerkte, der Dynamik der Tragödienkatharsis bei Bernays sehr nahe, beide basierten auf einer Abfuhr eines gleichsam eingeklemmten Affekts. Während sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts verschiedene Therapieformen der Psychokatharsis herausbilden (Frank, Muthmann, Moreno), wird die Katharsis innerhalb der Psychoanalyse von einer eigenständigen Therapieform zu einem Heilfaktor zurückgestuft. Anschließend zeichnete Gödde die 'Rehabilitationen' der Katharsis innerhalb der Psychoanalyse – von der Neokatharsis bei Ferenczi bis zu den Konzeptionen Alexanders und Winnicotts – nach.
Hans-Werner Rückert stellte die von Albert Ellis begründete Rational-Emotive-Therapie (RET) vor, die, um negative Selbstbewertungen und dogmatische Denkstrukturen zu erschüttern und umzustimmen, auf das antike Konzept des Sokratischen Dialogs zurückgreift. Das kathartische Moment in der RET verortete Rückert in der emotionalen Beteiligung (etwa im "befreienden Lachen") und der Reproduktion bestimmter Erlebnisse, wobei er betonte, dass es sich hierbei nicht um eine emotionale Überflutung im Sinne eines Ur-Schreis handele, sondern mit der Erlebnisaktivierung zugleich korrigierende Verarbeitungsschritte stattfänden.
Indem Hinderk Emrich in seinem Vortrag "Was bleibt?" die seelische Reinigung als einen Sortiervorgang verstand, bei dem es darum gehe, das 'Andere in uns Selbst' zu integrieren und loszuwerden, ergab sich eine Parallele zum kreativen, intentionalen Akt des Träumens. Emrich zeigte ein sehr breites Spektrum der Katharsis auf; dabei hob er die überlegene Leistungsfähigkeit der stillen Katharsis als eines ruhigen, gerade nicht dramatisierten Prozesses des Durcharbeitens hervor.
Im letzten Vortrag der Konferenz, "Ästhetik des Abgangs. Das Fortleben der Katharsis nach ihrem Ausscheiden aus der psychoanalytischen Klinik", konzedierte Robert Pfaller in Bernays' Theorie einen Bruch mit einem epistemologischen Hindernis, den er an zwei Momenten festmachte: dass bei Bernays der Erfolg des Dramas in einem Verlust statt einem Zugewinn bestehe und dass bloßes Spielen reale kathartische Effekte hervorrufen könne (Theorie der symbolischen Kausalität). Die Idee Bernays' wirke bei Freud auch nach der Verabschiedung von der kathartischen Methode und außerhalb der Klinik fort, indem er poetische Wirkungen als 'Ästhetik des Abgangs' fasse, als Befreiung von Spannungen durch spielerische und symbolische Mittel.


