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26.04.2011  Allgemein

Tagungsbericht "The socially extended mind"

Eine Tagung über die Interaktionen von Geist, Bewusstsein und Emotionen mit der Umwelt

Tagunsgflyer (Ausschnitt) Foto: Thomas Fiedler, blinkenlights.de

Tagunsgflyer (Ausschnitt) Foto: Thomas Fiedler, blinkenlights.de

Wer beim Scrabble-Spielen Buchstabensteine herumschiebt und umstellt um Worte auszuprobieren, vollzieht eine Visualisierung seines eigenen Denkens. Denn das Verschieben der Buchstabensteine ist auch ein Gedankenspiel, ein kognitiver  Prozess, und diesem wird üblicherweise der Geist als Sitz zugeschrieben. Wie jedoch das Scrabble-Beispiel zeigt, finden diese kognitiven Prozesse nicht nur im Kopf statt, sie können auch von unserer Umwelt unterstützt werden. Die beiden Philosophen Andy Clark und David Chalmers prägten dafür Konzept des "extended mind" (1998), auf deutsch etwa "erweiterter Geist". (In diesem Sinne – als Übersetzung des englischen Begriffs mind wird der deutsche Begriff Geist – im Folgenden verwendet.)

Die von Clark und Chalmers aufgestellte These ist, dass die Umwelt eine aktive Rolle beim Vorantreiben unserer Denkprozesse einnimmt. Sie bezeichnen das als active externalism. Nun stellt sich natürlich die Frage, inwiefern auch unsere soziale Umwelt unseren Geist beeinflusst oder Teil desselben ist. Zu diesem Thema veranstaltete der Cluster "Languages of Emotion" im März 2011 einen Workshop unter dem Titel "The socially extended mind", organisiert von Jan Slaby, Professor für Philosophie der Emotion, in Kooperation mit der Kolleg-Forschergruppe "Bildakt und Verkörperung". Vortragende waren Shaun Gallagher, John Protevi, Hanne de Jaegher, Michele Merritt, Mason Cash, Somogy Varga, Christian von Scheve, Martin Hartmann sowie Jan Slaby selbst.

Shaun Gallagher (University of Central Florida) stellte eine freiere Interpretation des extended mind vor. Dabei verschob er die Perspektive von einer statischen Sichtweise zu einer dynamischen, in welcher der Geist als operativ und problemlösend verstanden wird. Wenn er dann mit der Umgebung in Interaktion tritt – u.a. mit mental institutions - werden diese kognitiven Prozesse vollzogen.

Die auf eine Idee von Gallagher zurückgehenden mental institutions sind soziale Einrichtungen wie zum Beispiel die Rechtsprechung, das Bildungswesen, Schulen, Ämter, aber auch die Institution Wissen an sich. Sie bilden in gewissem Sinne die äußeren Rahmenbedingungen unserer Denkvorgänge und sind deshalb sozial, weil sie von Menschen geschaffen und etabliert worden sind. Wenn wir mit diesen Institutionen interagieren, dehnen wir unseren Geist aus, entsprechend der Regeln, die das jeweilige System vorgibt. Die Verbindung zu diesen Systemen und die Aneignung der Regeln desselben vollziehen sich über Sprache.

Überlegungen zur Interaktion zwischen dem Geist und solchen Institutionen schließen Überlegungen zur Interaktion zwischen zwei Personen. Während Systeme etwas Statisches sind, ist die Interaktion mit einem zweiten Geist eine besondere Art der Interaktion. Dieses Zusammenspiel zweier Geister wurde auf der Tagung wiederholt mit einem Tanz verglichen. Im Vortrag von Michele Merritt (University of South Carolina) war Tanz dann nicht nur als Metapher. Sie beschrieb Tanz als kognitives Phänomen, durch welches der Geist sich die Umwelt erschließt.

Jan Slaby (Cluster "Languages of Emotion, FU Berlin) stellte im Anschluss an das extended mind-Konzept ein extended emotion-Konzept vor, wofür er drei Anhaltspunkte geltend machte: 1. Die in einer Gemeinschaft langfristig etablierten und konditionierten Werte, die von Emotionen sowohl erzeugt als auch erfasst werden 2. die Art und Weise in welcher die emotionale Kultur einer sozialen Gemeinschaft als Institution fungieren kann und 3. "überpersönliche" emotionale Atmosphären, die das Fühlen einer Person einbetten, steigern und auch lenken können. Diese Atmosphären formen den qualitativen Hintergrund unserer Existenz, auf Basis desselben sich unsere konkreten Emotionen ausbilden. So wie Sprache also ein Werkzeug ist, das uns hilft, unsere Denkprozesse zu vollziehen, so können die Atmosphären als Werkzeug für das Fühlen gesehen werden. Je nachdem, in welchen Umgebungen und "atmosphärischen Räumen" ein Mensch existiert, entwickelt sich sein emotionales Verhalten.

Über Emotionen aus der anderen Richtung, also solchen, die nicht vom Menschen auf die Umwelt, sondern von der Umwelt auf den Menschen wirken, sprach Martin Hartmann (Universität Luzern). Er diskutierte einen Text von Jean-Paul Sartre über das Entstehen von kollektiven Emotionen. Für Sartre beinhalten Gefühle auch narrative Elemente, was dazu führt, dass sich durch ein Gerücht – also eine Erzählung – Emotionen unter den Menschen ausbreiten können und zum Beispiel zu einer kollektiven Panik führen können.

Eine Vorstellung, über die auch John Protevi (Lousiana State University) unter dem Begriff invaded mind, referierte. Protevi drehte die Perspektive um. Wenn es einen extended mind gibt, kann man dann auch von einem invaded mind sprechen? Mit anderen Worten, wenn ich die Umgebung zur Unterstützung meiner kognitiven Prozesse heranziehen kann, inwiefern ist dann mein Geist von der Umwelt steuerbar? Protevi untersuchte dies anhand einer Fallstudie zum Attentat im Januar dieses Jahres auf die demokratische US-Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords in den USA. Wie und warum handelte der Täter, wie er handelte? War es eine Folge der aggressiven Rhetorik rechtspolitischer amerikanischer Politiker? Welcher Anteil an dieser Beeinflussbarkeit des Täters ist genetisch bedingt und welche Rolle spielt die Art und Weise, in der die amerikanischen Politiker ihren Wahlkampf führten? Wer oder was ist also für dieses Attentat verantwortlich? Verantwortliches Handeln, die Rolle des Körpers und der genetischen Voraussetzungen oder die Interaktion zwischen Menschen, waren auch die Themen, die in den weiteren Vorträgen behandelt wurden.

Einige Fragen und Punkte, die immer wieder in den Diskussionen aufkamen, waren die nach der Verortung von Kognition – 'ist das überhaupt möglich und wenn ja, in welcher Form?' - aber auch nach den Abläufen von solchen Denkprozessen und ihrem Bezug zum Körper. Dass es diesen Bezug gibt, darin war man sich einig. So wurde Sprache als ein körperlicher Ausdruck verstanden, der – bottom up - immer abstrakter wird und in so etwas wie der Kognition oder dem Geist mündet. Auch Emotionen gehen immer mit Ausdruck einher. Sprache und Emotion müssen also eng miteinander verflochten sein wie auch Emotion und Kognition, wobei der Körper den Ausgangspunkt bildet. Dies erklärt auch, dass zur Verdeutlichung des Ablaufs kognitiver Vorgänge die Metapher eines Tanzes so hilfreich ist. Mit ihr lassen sich diese Vorgänge an ihren Ausgangsort – den resonierenden und sich bewegenden Körper - zurückbringen.

 

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