In welchem Zusammenhang stehen die Genese der empfindsamen Gefühlskultur im 18. Jahrhundert und die gleichzeitige Entstehung des politisch-ökonomischen Liberalismus? Gibt es eine spezifische Emotionalität, welche die affektive Grundlage der liberalen Gouvernementalität darstellt?


Um diese Fragen beantworten zu können, scheint Denken und Werk von Adam Smith (1723-1790) besonders geeignet, insofern er nicht nur der Verfasser des Grundlagenwerks liberaler Ökonomie ist („An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“, 1776), sondern auch der Autor der „Theory of Moral Sentiments“ (1759). Mit Rückgriff auf Michel Foucaults Studien zur Geschichte der Gouvernementalität lässt sich hierbei zeigen, dass Adam Smith in seinen Schriften ein umfassendes Projekt liberaler Gouvernementalität entwirft, in dem Politik und Ökonomie des Liberalismus an eine spezifische Emotionalität des Individuums rückgebunden sind.


Ausgehend von der anthropologischen Fähigkeit des Menschen zur "Sympathie" entdeckt Smith einen "sympathetischen Mechanismus", der nicht nur auf die moralische Selbstregulation der Gesellschaft hinwirkt, sondern auch den Einzelnen dem smithschen Tugendideal des "sensitiven Stoizismus" annähert. Dieses Ideal – ein Hybrid aus empfindsamen und stoischen Tugendvorstellungen – verlangt vom Individuum, dass es fremden Gefühlen gegenüber sensibel und empfindsam ist und zugleich die eigenen, unmittelbaren Gefühle zu beherrschen vermag. Die Forschungsergebnisse der Literatur- und Theaterwissenschaften zeigen, dass dieses sensitiv-stoische Affektmodell nicht nur smithsches Theoriewerk ist, sondern im 18. Jahrhundert tatsächlich durch den empfindsamen Umgang mit Literatur, Theater und Schrift in weiten Bevölkerungsteilen eingeübt wurde.


Vor diesem Hintergrund vermag die Dissertation abschließend die Frage des späten Foucaults aufzunehmen, ob und inwiefern die antiken Selbstpraktiken - vor allem diejenigen der stoischen Philosophie - zum „ersten und letzten Punkt des Widerstands gegen die politische Macht“ gemacht werden können.

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