Kambodscha
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Projektvorstellung:
Kambodscha blickt auf fast dreißig Jahre Krieg und politische Instabilität zurück, von denen die Jahre der Herrschaft Pol Pots und der Khmer Rouge von April 1975 bis Januar 1979 den mit Abstand gewalttätigsten Teil der jüngeren kambodschanischen Geschichte darstellen. Die Machtübernahme der Khmer Rouge im April 1975 beendete einen fünfjährigen Bürgerkrieg (mit Involvierung der USA), dem etwa eine halbe Million Menschen zum Opfer fielen. Hunderttausende flohen vor den amerikanischen Bombenangriffen vom Land in die Hauptstadt Phnom Penh, wurden aber wie alle anderen Städter erneut aufs Land oder in dort eingerichtete große Arbeitslager geschickt. Die eingeleitete Umgestaltung der Gesellschaft in einen reinen Agrarstaat, in dem der Buddhismus verboten und Familieneinheiten auseinander gerissen wurden gehörte mit zu den radikalsten Revolutionen der Menschheitsgeschichte. Sogenannte Feinde des „Demokratischen Kampucheas“ wurden in Gefängnissen und Lagern zu Tode gefoltert und in Massenexekutionen hingerichtet.
Am Ende der Herrschaft der Roten Khmer waren mehr als 1.6 Millionen der 8 Millionen Einwohner zählenden Gesamtbevölkerung umgekommen. Mehr als die Hälfte der Opfer starb an Erschöpfung, Unterernährung und Krankheit. Wegen der divergierenden politischen Interessen bezüglich der Aufarbeitung des Terrors, die wiederum in globale politische Allianzen des ehemaligen Kalten Krieges eingebunden waren, bedurfte es mehr als 30 Jahre, bis diese Verbrechen in Form eines Tribunals öffentlich verhandelt wurden.
Ziel der Untersuchung ist die Aufarbeitung dieser Gewaltakte und der damit verbundenen Emotionen. Dreierlei ist hierbei von besonderem Interesse:
Erstens: Das seit Juni 2008 stattfindende UN-Tribunal. Dieses kam zwar auf Initiative der UNO zustande, musste sich aber in mancherlei Hinsicht den Vorgaben der kambodschanischen Regierung beugen, an der bis heute Rote Khmer beteiligt sind. Anders als in vergleichbaren Einrichtungen können die Verhandlungen in situ verfolgt werden und erlauben somit unmittelbare Einblicke in die von den Prozessbeteiligten verfolgten Gefühlsregeln. Wann und unter welchen Bedingungen werden Emotionen ausgedrückt? Da die Gräueltaten inzwischen mehr als eine Generation zurückliegen, stellt sich besonders die Frage nach dem kollektiven Gedächtnis / Generationsgedächtnis. Verschärft wird diese Problematik durch den Umstand, dass es in es in Kambodscha kaum direkte Überlebende der Foltergefängnisse gibt. Welche Auswirkungen hat die jahrelang verzögerte Aufarbeitung der Vergangenheit ohne Zeitzeugen? Ist das Ziel des Tribunals gesellschaftliche Versöhnung oder Rache und Genugtuung der Opfer?
Zweitens: Im Zusammenhang des Tribunals stellt sich die Frage nach einer möglichen Neubewertung der Gedenkstätten Tuol Sleng (ehemaliges Foltergefängnis) und Choeung Ek (Killing Fileds). Beide Gedenkstätten wurden von der vietnamesischen Besatzungsmacht nach ihrem Einmarsch 1979 errichtet, auch um sich der Welt als „Befreier“ Kambodschas zu präsentieren. Während in den 80er Jahren viele Kambodschaner entweder nach Tuol Sleng kamen, um die dort ausgestellten Fotos nach vermissten Verwandten zu durchsuchen oder als Teilnehmer organisierter Besuche der damaligen Regierung, war das Interesse der Kambodschaner an der Gedenkstätte seit den 90er Jahren eher mäßig, ihr Wert seitdem vor allem ein touristischer. Zu fragen ist daher, ob diese Orte des Gedenkens während des Tribunals wieder stärker als in den letzten Jahren von der einheimischen Bevölkerung frequentiert werden?
Drittens: Welche Rolle spielt der Theraveda Buddhismus, der wieder offizielle Staatsreligion ist, bei den Prozessen der Aufarbeitung, der Vergebung und Versöhnung? In welchem Verhältnis steht er zu den weit verbreiteten Bessessenheitskulten, die in Form einer moralischen Gegenkultur zur Politik auf eigenständigen Wegen individuelles Leid der Opfer (und eventuell der Täter) zu heilen versuchen?



