Timor Leste
Auf dieser Seite können Sie sich über den aktuellen Stand unserer Forschungen in Timor Leste / Ost Timor informieren.
Projektvorstellung:
Die Geburt der República Democrática Timor Leste, einer der jüngsten Nationen der Welt, war gezeichnet von wechselnden Kolonialmächten und traumatischen Gewalterfahrungen. Ursprünglich ein Handelsposten, der für vier Jahrhunderte portugiesische Kolonie wurde, umfasst das Staatsgebiet Timor-Lestes den östlichen Teil der Insel Timor sowie die Oecussi-Ambeno Enklave. Zusammen erstreckt sich die kleine Republik über 14,610 km. Timors Dekolonialisierung, eingeleitet durch die Nelkenrevolution in Lissabon 1974, wurde niemals vollständig abgeschlossen. Stattdessen folgten ein kurzer, jedoch zerstörerischer Bürgerkrieg und später die gesetzeswidrige Annektierung Ost-Timors als 27. indonesische Provinz. Diese Entscheidung wurde unterstützt durch mächtige Länder wie die USA und Australien. Die vollständige Invasion durch die indonesische Armee am 7. Dezember 1975 markierte den Beginn von 24 Jahren gewaltvoller Besetzung und begründete eine der schlimmsten Tragödien des 20. Jahrhunderts.
Morde, Verhaftungswellen, Vertreibungen, Verschleppungen, Hungersnöte, Vergewaltigungen und Folter standen während der Besatzungszeit auf der Tagesordnung. Die Gemeinschaft Ost-Timors war gespalten durch Konflikte von Gefolgschaft und Ideologie. Einige kämpften auf Seiten der Widerstandsbewegung für Unabhängigkeit, während andere von der Integration mit Indonesien profitierten. 1998, nach dem erzwungenen Rücktritt des indonesischen Präsidenten General Suharto, bekam Ost Timor durch ein von der UN organisiertes Referendum die einmalige Chance, über das eigene Schicksal zu entscheiden.
Trotz einer durch die Indonesier und die von ihnen trainierten und ausgerüsteten Milizen initiierten Terrorkampagne bewiesen 98% der Wahl berechtigen Bevölkerung den Mut, an der Abstimmung teil zu nehmen. Am Ende stimmten 78.5 % für Unabhängigkeit von Indonesien. Doch der Preis der Unabhängigkeit war hoch. Die indonesische Armee und ihr Milizenflügel reagierten mit einem heftigen Ausbruch von Gewalt und der Operation „verbrannte Erde“. Als im September 1999 die International Forces for East Timor (INTERFRET) in Ost Timor landeten, stand die Hauptstadt Dili in Flammen, waren 70% des Landes zerstört und die Bevölkerung war aus den Dörfern geflohen oder hatte Asyl in West Timor gesucht. Bis zur endgültigen Unabhängigkeit wurde Ost Timor von einer Übergangsregierung der UN (UNTAET) regiert. Schätzungen gehen davon aus, dass in der Zeit von 1975 bis 1999 200.000 Menschen, das heißt ein Drittel der Bevölkerung, getötet wurden.
Nun steht das Land vor der schwierigen Aufgabe, aus Ruinen eine neue Nation aufzubauen. Dafür müssen eine Vielzahl gesellschaftlichen Gräben überwunden werden, die im Verlauf der langen Konfliktgeschichte entstanden sind. Dies ist besonders problematisch, da Opfer und Täter in Osttimor mehrheitlich aus der gleichen Gemeinde kommen, sich meist bereits von Kindesbeinen an kennen und häufig miteinander verwandt sind.
Ziel der Untersuchung ist die Herausarbeitung der unterschiedlichen auf die gewaltvolle
Vergangenheit gerichteten Emotionsdiskurse und ihrer machtpolitischen Verortung. Die Möglichkeit, eine Sprache für das Erfahrene zu finden und es somit kommunizierbar zu machen, bedeutet einen wichtigen Schritt für die Bewältigung erlittenen Leids und den Beginn einer allmählichen Versöhnung.
1.) Auf der Ebene der staatlichen Erinnerungspolitik soll untersucht werden wie seitens der politischen Führung aus den pluralen Erfahrungen von Gewalt, Terror und Leid eine nationale Geschichte konstruiert wird. Einen Zugang zu dieser Frage lässt sich durch die Analyse der Ergebnisse der nationalen Wahrheitsfindungs- und Versöhnungskommission erreichen, die ihre Arbeit im Januar 2002 aufnahm und im Juli 2005 beendete. Im Gegensatz zu Kambodscha erfolgten diese Aufarbeitungsprozesse zeitnah zu den erlebten Schrecknissen. Die Kommission führte öffentliche Anhörungen durch, nahm Aussagen von Opfern, Tätern und Zeugen auf und führte Versöhnungsprozesse auf Gemeindeebene durch. Das umfangreiche Datenmaterial enthält komplexe Artikulationen vergangener Gewalterfahrungen. Allerdings ist der Kommissionsbericht der Bevölkerung bisher nicht offiziell zugänglich gemacht worden. An dieser „Politik des Schweigens“ entzünden sich zahlreiche hochemotional geführte Konflikte, die sich als machtpolitische Auseinandersetzungen um das Recht auf Anerkennung (mit materiellen Konsequenzen) verstehen lassen.
2.) Auf der Ebene der informalen Erinnerungspraktiken sollen diese „Gegendiskurse“ anhand verschiedener Veteranenorganisationen analysiert werden, die sich in den letzten Jahren in Opposition zur staatlichen Erinnerungspolitik gebildet haben. Im Mittelpunkt dieser sozio-politisch und religiös sehr unterschiedlich konnotierten Gruppierungen, stehen stets Einzelpersonen, die sich in den gewaltvollen Auseinandersetzungen der Vergangenheit besonders bewährt haben und z.T. als Helden verehrt werden. Diese individuellen Akteure geben den Erfahrungen von Gewalt, Schmerz, Angst und Verlust je ganz spezifische andere Sinndeutungen, und ermöglichen damit den Ausdruck von Gefühlen, die im staatlichen Diskurs als nicht angemessen gelten sowie die Trauer um Tote, die öffentlich nicht beklagt werden. Sie greifen dabei z.T. auf christliche, z.T. auf spirituell-magische und z.T. auf lokal-ethnische Diskurse zurück.



