Das Projekt rekonstruiert die Diskussion über innere Schönheit im achtzehnten Jahrhundert. Ausgangspunkt ist die Aktualisierung der antiken Kalokagathie (Seelenschönheit), die in der Empfindsamkeit in der Graziendiskussion von Hogarth über Mendelssohn, Winckelmann, Wieland und Lessing bis hin zu Schiller und Kleist ihren Ausdruck findet. Entgegen des in Antike, Renaissance und französischer Klassik geltenden Entwurfs der Grazie als Ausdrucksideal höfischer bzw. adliger Lässigkeit und galanter Konversation meint Anmut nun mehr und mehr eine spezifische Form der körperlichen Bewegung als Ausdrucksform seelischer Gemütsregungen. Bei diesen anmutigen Gebärden steht der Ausdruck von Schamhaftigkeit als Zeichen natürlicher Sittlichkeit im Mittelpunkt. Dieser zunehmende Einfluss des Schambegriffes auf die Diskussion um die innere Schönheit geht auf die Kulturkritik Rousseaus zurück. In deren Folge werden nicht nur die höfische Lässigkeit im Sinne der sprezzatura, sondern auch das leicht frivole Spiel der galanten Tändelei der ersten Jahrhunderthälfte (etwa bei Wieland) schließlich unmöglich: Reinheit und Unschuld stellen nunmehr die Prinzipien anmutiger Seelenschönheit dar.

Ungeachtet der rousseauistischen Natürlichkeit lässt diese neuartige Engführung von Scham und Grazie die Mechanismen eines Zivilisationsprozesses erkennen. Im Anschluss an Norbert Elias soll die Paradoxie dieser Entwicklung – die Internalisierung höfischer Grazie wird letztlich als "ursprünglich-natürliche" Anmut verstanden – anhand des bürgerlichen Theaters als einem "Theater der Keuschheit" (Wild) erläutert werden. Die rousseauistische Idee der "Natur der Frau" (Bovenschen) wird im neuen Medium des bürgerlichen Theaters zu einem wichtigen Modell der bürgerlichen Heldin. Die schönen Seelen des bürgerlichen Trauerspiels als Ikonen eines neuen Tugendideals enden jedoch meist tragisch: Sie werden vom Adel intrigant hintergangen oder gehen freiwillig in den Opfertod. Eine paradoxe Entwicklung, denn die Internalisierung adliger Grazie durch das Bürgertum führt im Medium des Theaters schließlich zur dramaturgischen Unmöglichkeit, gegen die Willkürherrschaft des Adels aufzubegehren.

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Publikationen

Meyer-Sickendiek, B. (2010). Shame and Grace. The Paradox of the Beautiful Soul in the 18th Century. Flach, Sabine, Margulies, Daniel, Soeffner, Jan (Eds.). Habitus in Habitat I – Emotion and Motion. S. 121-130. Bern: Peter Lang. Zusammenfassung