Ziel des Projektes ist es, den Zusammenhang zwischen filmischer Bewegung und der Darstellung und Entstehung emotionaler Zustände theoretisch zu fundieren sowie analytisch greifbar zu machen. Ich gehe dabei von der Grundannahme aus, dass Film als Wahrnehmungsdispositiv, wie auch das Phänomen der Affizierung, untrennbar mit (der Wahrnehmung von) Bewegung verknüpft ist. Die Arbeit geht der Frage nach, welche Konsequenzen es hat, wenn
1. filmische Bewegung die emotionalen Zustände (sowohl fiktiver Figuren als auch diejenigen des Zuschauers) in der konkreten Wahrnehmungssituation nicht abbildet, sondern gestaltet und hervorbringt – und wenn
2. diese Bewegung auch grundsätzlich nicht auf ein mimetisches Verhältnis zum menschlichen Körper zurückgeführt werden kann. Dieses Problem wirft
3. unmittelbar die Frage auf, woran sich die Emotion des Zuschauers bindet und inwiefern es in dieser Hinsicht notwendig erscheinen mag, Konzepte der Empathie auf ihren Figurenbegriff hin zu befragen und möglicherweise – etwa durch ein Modell sensomotorischer Affizierung – abzuwandeln.
Angesichts der umfassenden Natur dieser Fragestellung, die bisher nicht systematisch behandelt worden ist, scheint es notwendig, sich zu ihrer Beantwortung mit einem spezifischen Korpus an Werken auseinanderzusetzen, der sich auf eine hinreichend kohärente Affektpoetik beziehen lässt: Ende der Sechzigerjahre vollzieht sich im Kino Hollywoods eine radikale Umdeutung der Funktion filmischer Bewegung als Faktor der Affizierung. Filme wie THE GRADUATE (Mike Nichols, USA 1967) oder JAWS (Steven Spielberg, USA 1975) zeugen davon. Indem die Arbeit filmhistorisch und analytisch die Traditionslinien des New Hollywood aufzeigt, soll die Gestaltung des Zusammenhangs von Emotion und Bewegung herausgearbeitet und zugleich die Tragweite der theoretischen Probleme sinnfällig gemacht werden. Im Ergebnis verspreche ich mir davon, dass in einem scharf umgrenzten kulturhistorischen Bezugsfeld Antworten auf die oben formulierten, weitreichenden Fragen gefunden werden können – was einerseits eine neue Perspektive auf den Korpus eröffnen und andererseits die theoretische Debatte um die konkrete analytische Dimension erweitern soll.


