Im späten 14. Jahrhundert entsteht in England erstmals ein literarisches Feld im Sinne Bourdieus. Zentrale Fragen der Literarizität werden über einen höfischen Liebesdiskurs verhandelt, der seinen ambitioniertesten Ausdruck in Chaucers Roman(ze) "Troilus and Criseyde" (ca. 1385) findet. Dort wird die Liebe zur Meta-Emotion, die andere Emotionen – Angst, Scham, Trauer – in sich aufnimmt.
Sie wird in ihrer spezifisch textuellen und narrativen Gemachtheit aber auch in ihrer gesellschaftlichen Bedingtheit kritisch inszeniert und somit zum Gegenstand, über den Fragen der Subjektivität diskutiert werden. Indem Hervorbringung, Entwicklung und Codierung des Gefühls in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken, wird die narrative Produktion von komplex differenzierten Gefühlsentwicklungen und –zuständen sowohl zum Signum des Literarischen als auch zum sozialen Distinktionsmerkmal erhoben.
Bis weit in die Renaissance hinein gilt Troilus and Criseyde als Modelltext, über den höfische Autoren in England und Schottland die Literarisierung und Verfeinerung der höfischen Liebeskultur nicht nur betreiben, sondern auch diskutieren und kritisieren. Das Projekt setzt sich das Ziel, diesen Prozess der zunehmenden Differenzierung und Literarisierung emotionaler Erfahrung in England am Beispiel einer weit gefassten Chaucerschen Texttradition vom Spätmittelalter bis zur Renaissance zu untersuchen.


