Seit den Studien Susan Nolen-Hoeksemas steht der Mechanismus des Grübelns im Fokus (neuro-)psychologischen Interesses. Grübeln gilt als Motor depressiver Verstimmungen und bipolarer Störungen: Eine These, der aus Sicht der Kulturwissenschaften nur bedingt zuzustimmen ist. Die Romantiker etwa entwickelten eine wahre "Mode des Nachgrübelns", und noch Walter Benjamin sprach emphatisch vom "Reichtum alter Grübeleien".

Das inzwischen abgeschlossene Forschungsprojekt erklärt diese heute vergessene Faszinationskraft des Grübelns durch die Dimension der Tiefe, deren Erkundung seit Novalis zu den zentralen Themen der Romantik zählt. Neben den Hintergründen des romantischen Tiefsinns – etwa der zeitgleichen Entdeckung der "Tiefenzeit" – beleuchtet es nicht nur die Funktion des Grübelns in der romantischen Poesie, sondern auch den Verlust dieser Tradition. Er beginnt in der Gründerzeit um 1870, denn hier entsteht die bis heute reichende Pathologisierung des Grübelns als einer Zwangsvorstellung. Die Konsequenz dieser Pathologisierung erstaunt, denn mit ihr schwindet die für romantische Literatur so wichtige Möglichkeit, vom Grübeln zu erzählen. Warum diese Erzählkrise entstand, und wie sie mit der Pathologisierung des Grübelns zusammenhängt, versuchte dieses Projekt anhand einschlägiger Novellen der Romantik und der Moderne erstmals zu ergründen.

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Publikationen

Meyer-Sickendiek, B. (2011). Gefühlstiefen. Aktuelle Perspektiven einer vergessenen Dimension der Emotionsforschung. Lehnert, Gertrud (Ed.). Raum und Gefühl. Der Spatial Turn und die neue Emotionsforschung. S. 26-47. Bielefeld: transcript-Verlag. Zusammenfassung
Meyer-Sickendiek, B. (2010). Tiefe. Über die Faszination des Grübelns. München: Fink.