Gegenstand und Ausrichtung des Clusters

Forschungsgegenstand des Clusters sind die Zusammenhänge zwischen Emotionen
und Zeichenpraktiken. Was und wie wir „fühlen“, ist zu einem großen Teil durch Sprache und Bilder geprägt. Gefühle befördern oder behindern unseren Spracherwerb; umgekehrt wirkt sich sprachliche Kompetenz auf Fähigkeiten emotionaler Kommunikation aus. Die Emotionsforschung der vergangenen 20 Jahre hat die Rolle der Sprache weitgehend vernachlässigt, die Sprachforschung die Rolle der Emotionen. Die multidisziplinäre Anlage des Clusters zielt darauf, dies von beiden Seiten her zu verändern.

Unser Zeichengebrauch wie unsere affektiven Dispositionen zeichnen sich durch ihr Ausgreifen in Bereiche des Möglichen, des Fiktiven und Imaginären aus. Die Künste sind daher ein prädestinierter Gegenstand des Clusters. Vor diesem Hintergrund untersuchen die einzelnen Forschungsbereiche des Clusters Emotionen in Hinblick auf, und in Wechselwirkung mit, Sprache, Kunst, sozialer Kompetenz sowie kulturellen Codes.

Nach verbreiteter evolutionstheoretischer Ansicht ist die Evolution des menschlichen Symbolisierungsvermögens ein, wenn nicht der entscheidende Faktor der rasanten Entwicklung der menschlichen Intelligenz und der Entwicklung der Kultur. Da gleichzeitig Emotionen eine große Rolle in menschlicher Interaktion spielen, kann damit gerechnet werden, dass Sprachvermögen und Gefühlsskripte vielfältige Beziehungen ausgebildet haben. Psychologische Studien, die Beziehungen zwischen emotionaler und sprachlicher Entwicklung bei Kleinkindern sowie zwischen emotionaler und sprachlicher Kompetenz bei Erwachsenen ermittelt haben, bieten einige von vielen Indizien für diese Hypothese. Die Frage nach den Kopplungen von Zeichen und Affekt gilt insofern einem elementaren Anthropologicum. Sie eröffnet zugleich den Raum für die volle Bandbreite der historischen und kulturellen Differenzierungen künstlerischer, religiöser, politischer, sozialer und geschlechtsspezifischer Affekt-Modellierungen.

Der Bezug auf Nicht-Reales, Fiktives, auf Selbstauslegungen bzw. soziale Orientierungen im Imaginären ist ein entschieden humanes Charakteristikum. Nur Menschen entwickeln enge und höchst aufwendige emotionale Beziehungen zu übernatürlichen Wesen (Götter, Dämonen usw.) sowie zu Werten und Erzählungen, die imaginären Welten mit selbstreferentiellen Eigenstrukturen angehören. Der Cluster untersucht – quer durch seine Untergliederungen – die Formen und Leistungen solcher Konfigurationen von Affekt, symbolischen Praktiken und Entwürfen des Imaginären oder Fiktiven.

Die Grundannahme des Clusters lautet mithin, dass ein bedeutender Teil des menschlichen affektiven Verhaltens nur in Verbindung mit den spezifisch menschlichen Leistungen in der Entwicklung von Zeichengebrauch und Symbolisierungsvermögen.verstanden werden kann. Fokussiert durch diese Grundannahme werden die stark divergierenden Linien der Affekt-Forschung in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen nicht nur untereinander, sondern auch mit der Affekt-Forschung in Linguistik, Psychologie und Neurowissenschaften vernetzt.

"Languages of Emotion" bündelt wissenschaftliche Kompetenz aus mehr als 20 Disziplinen mit je eigenen Traditionen des Affektdenkens. Mehrere herausragende außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wirken an dem Vorhaben mit, darunter die Max-Planck-Institute für Bildungsforschung, für Neuro- und Kognitionswissenschaften, für Evolutionäre Anthropologie und das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung.

Die vier Forschungsbereiche des Clusters untersuchen

  • A: die Beziehungen von Emotionen und Sprache, bzw. Ton und Bild
  • B: die künstlerischen Praktiken und Poetiken der Affektdarstellung
  • C: die Beziehungen von emotionaler und sprachlicher Kompetenz sowie deren Störungen und
  • D: die Affektmodellierung auf der Ebene kultureller Codes.