Area A: Zeichen
Forschungsbereich A untersucht Darstellung, Produktion und Ausdruck von Gefühlen in Sprache und nicht-sprachlichen Zeichenpraktiken. Zentrale Annahme ist, dass die Besonderheiten menschlicher Zeichensysteme, ihres Gebrauchs und Erwerbs auch das menschliche Erleben, Äußern und Hervorrufen von Emotionen maßgeblich prägen. Sprache und nicht-sprachliche Darstellungsmodalitäten (gestisch-mimisch, auditiv-visuell) drücken nicht nur vorausgesetzte Emotionen aus, sie ermöglichen auch Praktiken der Hervorbringung und Zirkulation von Emotionen.
Sprachpsychologie und Sprachwissenschaft des 20. Jahrhunderts haben die Affekte in Sprache und multimodalem Sprachgebrauch unterbehandelt. Auch die Emotionsforschung hat sprachliche Vorgänge weitgehend ignoriert. Unter Einsatz von kombinierten Methoden und Theorien der Psychologie, der Sprachwissenschaft, der Medienwissenschaft und der Neurowissenschaft trägt Area A dazu bei, diese Lücke zu schließen.
Im Zentrum des Forschungsbereichs stehen Formen von Emotion, Kognition und Sprache sowie deren Interaktion bezogen auf Erwerb, Verarbeitung und multimodalen Sprachgebrauch.
Die beiden Forschungsschwerpunkte sind:
1. Sprache und Emotion in der Entwicklung
2. Die Prozessierung von Affekten in Sprache und anderen Zeichensystemen
1. Sprache und Emotion in der Entwicklung
Ziel:
Die Rolle von Emotionen im kindlichen Spracherwerb und die Mitwirkung sprachlicher Prozesse bei der Entwicklung und Modulation von Emotionen über die Lebensspanne sollen mit einander ergänzenden behavioralen und neurokognitiven Methoden aufgeklärt werden. Vergleiche zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Primaten sollen diese Perspektive vertiefen.
Fragestellungen:
Welche Rolle spielen beim Wortschatzerwerb emotionale Hinweisreize und die Gedächtniskonsolidierung während des Schlafs? Gibt es einen allgemeinen, evolutionär begründeten “Negativ-Bias”, d.h. wird negativen emotionalen Reizen eine größere Aufmerksamkeit im Vergleich zu positiven oder neutralen Reizen geschenkt ? Gibt es einen generellen Zusammenhang zwischen Rhythmus bei sprachlichen und sowie nicht-sprachlichen Signalen und affektiver Bewertung? Welche Mechanismen unterliegen dem emotionalen Lernen in Zusammenhang mit sprachlichem und bildhaftem Material? Unterscheiden sich die am Lernen von positiven und negativen Emotionen beteiligten neuronalen Strukturen voneinander, wie Tierstudien nahe legen?
Profil:
Sprachwissenschaftliche und psychologische Modelle des Spracherwerbs haben bislang emotionale Prozesse weitgehend ausgeklammert. Wie sich Gefühle in Wechselwirkung mit dem Erwerb symbolischer Zeichensysteme entwickeln, ist eine von der Entwicklungspsycholinguistik und der Entwicklungsneurokognitionsforschung bisher kaum gestellte Frage. Ein besonderes Merkmal dieses Bereichs ist, dass hier die gattungsspezifischen Merkmale menschlicher Sozialität und Kompetenz durch systematische Exploration ihrer emotionalen Komponenten und Ausdrucksformen mit Hilfe sowohl behavioraler als auch neurokognitiver Methoden untersucht werden.
2. Die Prozessierung von Affekten in Sprache und anderen Zeichensystemen
Ziel:
Es werden theoretische Ansätze und interdisziplinäre Methoden entwickelt, mit deren Hilfe die affektive Seite sprachlicher Prozesse beleuchtet wird. Des weiteren wird vergleichend untersucht, wie sich die affektformenden und -elizitierenden Leistungen von Sprache von denen anderer Zeichensysteme (z.B. Bild, Film, Musik) unterscheiden, und in wieweit Sprache und die anderen Zeichensysteme im multimodalen Sprachgebrauch bezüglich der Affektzirkulation kooperieren.
Fragestellungen:
Welches sind die neurokognitiven Grundlagen affektiver und ästhetischer Prozesse beim Lesen? Wie direkt hängen Gefühle von der Muttersprache sowie weiteren erlernten Sprachen ab? Welche Rolle spielen Sprachrhythmus und Metrik bei der emotionalen Färbung sprachlicher Äußerungen? Wie hängen affektive Sprachverarbeitung und Persönlichkeitsmerkmale bzw. –störungen zusammen? Bestehen Unterschiede in der Verarbeitung affektiver Informationen bei sprachlichem und bildhaftem Material? Wie lässt sich die komplexe Interaktion zwischen Sprache und Emotion in der Modellbildung von Rhetorik, Sprachwissenschaft, Psychologie (z.B. Modelle des semantischen Gedächtnisses) und Neurowissenschaft (z.B. Modelle emotionaler Endo-Phänotypen) verankern? Wie manifestieren sich Emotionen in Sprache, Prosodie, Gestik, Ganzkörperbewegung, Mimik und wie interagieren diese unterschiedlichen Ausdrucksmodalitäten? Welche Rolle spielen verbale, prosodische und gestisch-mimische Hinweisreize bei der Alltags-Konversation?
Profil:
Die experimentelle Erforschung der Rezeption und Produktion von gesprochener und geschriebener Sprache vernachlässigt – trotz einer langen Tradition – weitgehend die Emotionen. Sie vernachlässigt auch das Zusammenspiel verbaler und nicht-verbaler Zeichenpraktiken. Dieser Area Schwerpunkt setzt der einseitigen Betonung kognitiver Vorgänge beim Verstehen und Lesen von Sprache die interdisziplinäre, sprach- und kulturvergleichende sowie multimethodale Untersuchung affektiver Prozesse entgegen. Dabei werden diese Prozesse auf verschiedenen Komplexitätsbenen des sprachlichen und nichtsprachlichen Materials (Einzelworte, Sätze, Gedichte, Geschichten, Bilder und Bildgeschichten, Kunstwerke/Gemälde, Filmszenen) untersucht. Sowohl alltagsweltliche wie künstlerisch-ästhetisch gestaltete Formen des Zeichengebrauchs sind Gegenstand der Untersuchung, die systematisch andere Zeichenpraktiken einbezieht.


