Area B: Künste

Forschungsbereich B geht von der Annahme aus, dass alle Künste Verfahren der Emotionalisierung implizieren. Untersucht werden die Inszenierungen von Emotionen in Kunstwerken, die affektiven Wirkungen der Kunstwerke selbst und die historischen Affektmodelle, die Kunstwerke und Poetiken geprägt haben.

Die Projekte des Forschungsbereichs verbinden in drei systematischen Konfigurationen die affektbezogenen Fragestellungen, Modelle und Methoden, die in Rhetorik, Poetik und Ästhetik, in den modernen Kultur-, Kunst- und Medienwissenschaften, in psychologischer und linguistischer Emotionsforschung sowie in historischer und diskursgeschichtlicher Analyse entwickelt worden sind bzw. aktuell entwickelt werden.

Die Schwerpunkte des Forschungsbereichs sind:

  1. Rhetorik, Poetik und Ästhetik im Experiment
  2. Künstlerische Verfahren der Emotionalisierung in systematischer Deskription
  3. Affektmodelle in der Geschichte der Künste

1. Rhetorik, Poetik und Ästhetik im Experiment

Ziel:
Theoretische Annahmen und konkrete Devisen der überlieferten Rhetorik, Poetik und Ästhetik werden im Rekurs auf Emotionsmodelle der neueren Psychologie rekonzeptualisiert und mittels empirischer Methoden (behavioral und neurokognitiv) experimentell überprüft.

Die theoretische Arbeit zielt auf die Besonderheit "ästhetischer Gefühle", auf ästhetische Lust an negativen Emotionen und auf eine Typologie ästhetischer Empfindungsmodi. Die empirische Arbeit an konkreten Hypothesen affektiver Wirkung bezieht sich auf einzelne rhetorische Figuren, metrische Muster, narrative Affektszenarien oder ästhetische Eigenschaften von Musik oder Bildern.

Fragestellungen:
Haben "ästhetische Gefühle" einen besonderen ontologischen Status und eine psychologische Signatur? Wie können die überlieferten Theorien von der (vermeintlichen) Paradoxie ästhetischer "Lust" – Freude am Schrecklichen, "gemischte Gefühle" – mit heutigen psychologischen Modellen und Methoden beschrieben und getestet werden? Wie verhalten sich Empfindungsmodi, die mit ästhetischer Rezeption assoziiert werden (zum Beispiel bewegt, berührt, erregt, erhoben, schockiert, gebannt sein oder Schauergefühle haben), zu diskreten und dimensionalen Affektmodellen? Wie moduliert künstlerische Darstellung diskrete Emotionen? Wie können rhetorische, poetische und ästhetische Eigenschaften von Kunstwerken (in Literatur, Musik oder Malerei) identifiziert und durch gezielte Modulation experimentell erforscht werden? 

Profil:
Rhetorik, Poetik und Ästhetik werden mit theoretischer Emotionspsychologie und experimentellen Methoden andernorts kaum zusammengedacht. Die gegenwärtige experimentelle Forschung zu Fragen der Ästhetik ist zudem überwiegend an visuellen oder musikalischen Stimuli orientiert. Der skizzierte Forschungsschwerpunkt dagegen widmet sich auch in mehreren Projekten sprachlichen Phänomenen.

2. Künstlerische Verfahren der Emotionalisierung in systematischer Deskription

Ziel:
Ausgehend von Analysekonzepten der Kunst- und Medienwissenschaften, werden künstlerische Ausdrucksformen und Darstellungsmuster identifiziert und beschrieben, die Emotionalisierungsprozesse auslösen und steuern. 

Um innovative empirisch-deskriptive Methoden zu entwickeln, werden die kunst- und medienwissenschaftlichen Analyseverfahren mit jenen der kognitiven Linguistik, der Psychologie und der Medienwirkungsforschung verbunden. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Beziehung von sprachlichen (literarischen) und nicht-sprachlichen (visuellen, akustischen, mimisch-gestischen, szenischen) Ausdrucksformen. 

Fragestellungen:
Wie lassen sich Verfahren der Emotionalisierung in Kunst und Unterhaltungsmedien empirisch-deskriptiv erfassen? Wie können die theoretischen Annahmen und Konzepte der aktuellen Kunst- und Medienwissenschaften zur emotionalen Wirkung künstlerischer Darstellung (zum Beispiel Empathie, Immersion oder embodiment) verifiziert werden? Wie verhalten sich die in der Kunst repräsentierten Emotionen zu den durch diese Darstellungen gesteuerten Emotionalisierungsprozessen auf Seiten der Rezipienten? Welche Funktionen von Kunst sind regelmäßig mit bestimmten affektmodellierenden Verfahren verbunden (zum Beispiel affektiver Selbstbezug, Probehandlung, Vergemeinschaftung, Selbstdarstellung oder Manipulation)? In welchem Verhältnis stehen dabei sprachlich-literarische zu nicht-sprachlichen Ausdrucksformen?

Profil:
Die Analyse künstlerischer Verfahren der Affektmodulation ist für die empirische Forschung noch kaum erschlossen, da ihre dynamischen Wirkungszusammenhänge mit bestehenden Methoden nur sehr eingeschränkt zu erfassen sind. Die Kombination methodischer Ansätze der kognitiven Linguistik, der Psychologie und der empirischen Medienforschung mit den differenzierten Klassifikationen und Analysetechniken von Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaft stellt deshalb einen neuen Ansatz dar.

3. Affektmodelle in der Geschichte der Künste

Ziel:
Affektpoetiken von Medien und Gattungen der Kunst werden untersucht, um ihre historische Besonderheit exemplarisch herauszuarbeiten. 

Die Geschichte der Künste kann zugleich als eine Geschichte sich wandelnder Affektmodelle beschrieben werden. Ausgehend von der Annahme, dass nicht nur einzelne Kunstwerke, sondern auch Medien und Gattungen durch affektiv wirksame Strategien um Aufmerksamkeit wetteifern, werden ausgewählte Kunstwerke auf die medien- und gattungstheoretischen Implikationen ihrer Wirkungskonzepte untersucht. Vermittelt über die Theorie- und Methodenbildung der Forschungsbereiche 1 und 2, werden historische Konzepte aus den Künsten in zeitgenössischen Diskursen verortet und auf die aktuelle Emotionsforschung bezogen.

Fragestellungen:
Wie stellen sich historische Konzepte künstlerischer Affektmodulation in ihren diskursiven Kontexten dar? Lassen sich konsistente Modi in variierenden Zusammenhängen beobachten? Welche emotionstheoretischen Grundannahmen sind den medialen Bedingungen, Techniken und Verfahren historischer Kunstwerke implizit? Welche historische Semantik haben Gattungen im Hinblick auf Affektmodulation? Wie können überlieferte Konzepte der Affektmodulation auf aktuelle Emotionstheorien bezogen werden?

Profil:
Indem wir historische Affektpoetiken an exemplarischen Gegenständen rekonstruieren, verbinden wir die kulturgeschichtliche Emotionsforschung mit der emotionstheoretischen Grundlagenforschung der heutigen empirischen Wissenschaften. In dieser Brückenfunktion unterscheiden sich die interdisziplinären Projekte des Forschungsbereichs 3 von ausschließlich kunst- und kulturgeschichtlichen Untersuchungen.

Projektübersicht

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