Area D: Kulturen

Der Forschungsbereich D untersucht die "Languages of Emotion" unterschiedlicher zeitgenössischer und historischer Kulturen. Der Begriff "kulturelle Codierung" umfasst verschiedene Regelsysteme, mittels derer in Kulturen, Gesellschaften oder sozialen Gruppen Emotionen und ihre Äußerungsformen benannt, ausgedrückt, bewertet und generiert werden. Dazu gehören sprachlich-diskursive Muster, standardisierte Interaktionsmodi, gestische Repertoires und ästhetische sowie mediale Darstellungsformen.

Das Forschungsziel ist, die Verflechtung der verschiedenen Emotionscodierungen mit den übergreifenden Wert- und Bedeutungsgefügen der betrachteten sozialen und/oder kulturellen Gruppen herauszuarbeiten. Ein besonderer Akzent liegt auf kultur- und sozialkomparativen Aspekten.
Die beteiligten Wissenschaftler aus Ethnologie, Soziologie, Politikwissenschaft, Psychologie, Evolutionsbiologie sowie Literatur- und Kulturwissenschaften ergänzen sich sowohl hinsichtlich ihrer theoretisch-konzeptuellen als auch ihrer methodischen Ansätze. Diese reichen von der Analyse literarischer Texte über vielfältige empirische Untersuchungen aktueller sozialer Praktiken und Bewegungen bis hin zur formalen Decodierung affektiver Ausdruckszeichen in sozialen Interaktionen.

Die Schwerpunkte dieses Forschungsbereiches sind:

1. Emotionen in Konflikten

2. Kulturelle Poetik von Emotionen

3. Interaffektivität




1. Emotionen in Konflikten

Ziel:

Der Schwerpunkt beschäftigt sich mit affektiven Dynamiken in sozialen und politischen Konflikten unterschiedlicher Reichweite (auf Mikro- und Makroebene). Er verschränkt empirische Untersuchungen im Kontext sozialer Differenz und politischer Aufarbeitungin europäischen und außereuropäischen Gesellschaften mit Studien, die einzelne emotionale Dimensionen (z.B. Ärger, Angst, Trauer, Vergebung, Vertrauen, Achtung, Mitleid) aus sozialtheoretischer Perspektive fokussieren. Das übergreifende Ziel liegt darin, Einblicke in die Rolle von Emotionen in sozialen Desintegrations- und Kohäsionsprozessen zu erlangen.

Fragestellungen:

Welche Praktiken der Emotionserzeugung und -kanalisierung werden angewandt, um kollektive Handlungsziele zu erreichen und kollektive Identitäten zu formieren? Wie werden Emotionen wie bspw. Trauer, Hass, Angst, Scham, Schuld, Reue in unterschiedlichen sprachlichen sowie performativen Erinnerungsdiskursen artikuliert? Welche Emotionen ermöglichen oder verhindern die Beilegung von Konflikten bzw. die Rückkehr zur Kooperation?  Was sind z.B. die individuellen, sozialen und kulturellen Vorrausetzungen für Vergebung und Aussöhnung?

Profil:
Soziologische  und ethnologische Forschung zum Verhältnis von Emotionen, Macht und sozialen Strukturen werden mit psychologischen Ansätzen zu emotionalen Dynamiken in Konflikten sowie mit politik- und literaturwissenschaftlichen Analysen emotionaler Diskurse verknüpft. Die in den verschiedenen Disziplinen formulierten Konflikt- und Kooperationstheorien, die bisher Emotionen weitgehend ausklammern, werden so wesentlich erweitert. Auf methodischer Ebene kommen  qualitative (ethnografische in situ) Verfahren, mediale Analysen, sowie standardisierte und experimentelle Verfahren zum Einsatz. Der (kontrastive) Kulturvergleich bildet ebenso wie die sozialstrukturelle Analyse ein zentrales Erkenntnisinstrument.

2. Kulturelle Poetiken von Emotionen

Ziel:
Der Schwerpunkt vereint Projekte, die die literarische und künstlerische Codierung von Emotionen in unterschiedlichen Genres und historischen sowie kulturellen Kontexten untersuchen. Das zentrale Ziel ist, die Emotionscodierungen der betrachteten Text-, Bild- oder Musikgattungen als Teil der jeweiligen Gesamtkultur zu analysieren, also ihre Mitwirkung an Konstitution, Perpetuierung sowie Modifikation von kulturellen Sinn- und Zeichenbildungen zu erfassen.

Fragestellungen:
Welche Wechselwirkungen existieren zwischen ästhetischer und sozialer Kommunikation über Emotionen? Welchen Anteil haben Literatur und Kunst an der Artikulation und Geltung von Gefühlsregeln? Wie werden in  kulturell und historisch differenten Affekttheorien sowie Ideologien körperliche und kognitive emotionale Prozesse relationiert? Wie wird das Verhältnis von Authentizität und Simulation, Natürlichkeit und Künstlichkeit, Sozialität und Individualität, Intentionalität und Unkontrollierbarkeit, Innerlichkeit und Äußerlichkeit von Emotionen gedacht?

Profil:
Besonderes Merkmal  dieses Bereiches ist eine holistischen Perspektive, die dezidiert auf Wechselwirkungen zwischen ästhetischen Gattungen und anderen kulturellen Wissenssystemen ausgerichtet ist.  Während Area B primär die in den europäischen Künsten enthaltenen Affektmodelle untersucht,  konzentriert sich Area D auf das Zusammenspiel verschiedener Codes und Bedeutungssysteme bei der Artikulation von Affektmodellen in unterschiedlichen kulturellen und historischen Kontexten.

3. Interaffektivität

Ziel:

Im Mittelpunkt dieses Bereichs stehen emotionale Kommunikations- und Koordinationsprozesse in der sozialen Interaktion. Er vereint Projekte, die emotionale Ausdruckszeichen in sozialen Austausch- und Verständigungsprozessen bei menschlichen und nicht-menschlichen Primaten analysieren mit solchen, die die ontogenetische Differenzierung von Emotionen und ihren Ausdruckszeichen im Kulturvergleich untersuchen.  Ziel ist es, Einsichten in Phylogenese und Ontogenese  "sozialer Emotionen" sowie Aufschlüsse darüber zu gewinnen, welche Funktion sie für die Konstruktion und Kommunikation von Bedeutung in der sozialen Interaktion und für deren Koordination übernehmen.

Fragestellungen:
Welche Zusammenhänge und kulturellen Differenzen bestehen zwischen "empathizing" und "mentalizing"? Auf welchen ultimaten Mechanismen basieren kollektive Emotionen? Wie beeinflussen kulturspezifische Emotionskonzepte und Sozialisationspraktiken Empathievermögen? Welche evolutionsbiologischen Grundlagen "sozialer Emotionen" lassen sich aus der Primatenforschung gewinnen? Mit welchen Methoden lässt sich emotionales Einfühlen in der sozialen Interaktion aufdecken und beschreiben?

Profil:
Vernetzung evolutions- und entwicklungspsychologischer sowie ethnologischer und gruppensoziologischer Ansätze. Diese stellen vor allem im Bereich des Artenvergleichs (Mensch und Tier) Neuland im Sinne von "high risk"- Forschung dar. Der Schwerpunkt – auch in Abgrenzung zu sozialen Interaktionsstudien in anderen Areas – liegt auf empirischen Untersuchungen in "natürlichen" Kontexten und  der kulturkomparativen bzw. gruppenspezifischen Perspektive.

Projektübersicht

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